Was als würdige Trauerfeier geplant ist, endet zum Entsetzen des Pfarrers im Chaos. Der Anlass für den Wirbel liegt direkt vor der Urne des Firmenchefs: Eine Trauerschleife mit der Aufschrift: „In tiefer Trauer – Deine Mitarbeiter“.

Oha! Haben denn die Mitarbeiterinnen etwa nicht getrauert? Moment, das muss erst mal mit der Belegschaft ausdiskutiert werden findet Alina Bergreiter (Kim Bormann), die forsche Leiterin der Social Media Abteilung der Firma und knöpft sich Herrn Bohne (Gerhard Wittmann) vor, der als neuer Geschäftsführer die Zeremonie organisiert hat. Schnell merkt Herr Bohne, wie viele Stolperfallen sogar bei einer Trauerfeier lauern, wenn man zuvor nicht alles auf political correctness abklopft.

Im ersten Akt von „Kalter weißer Mann“ (Autoren: Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob) geht es zunächst um „Gender-Sternchen – ja oder nein: Wie soll eine Anrede auf der Trauerschleife formuliert sein, damit sich keiner ausgegrenzt fühlt? Ein paar Zentimeter mehr Satinband für die absolut korrekte Text-Variante sollten schon drin sein.

Die jungen Leute aus der Firma wie die Praktikantin und erklärter Fan von Work-Life-Balance (Anna Drózd) und der Kameramann Kevin (Benedikt Paulun) haben andere Vorschläge wie die langjährige Sekretärin (Isabel Mautes) und der künftige Chef Bohne.

Kalter Weisser Mann: Isabel Mautes, Gerhard Wittmann, Benedikt Paulun, Ralf Komorr, Kim Bormann ©Foto: Leonid Levi Zimmermann
Kalter Weisser Mann: Isabel Mautes, Gerhard Wittmann, Benedikt Paulun, Ralf Komorr, Kim Bormann ©Foto: Leonid Levi Zimmermann

Zwischen den Parteien der Herr Pfarrer (Ralf Komorr), der nur allzu gerne den Text zur Passion Christi verlesen will, aber einfach nicht über Station 9 herauskommt („Bitte kommen Sie endlich zur Sache. Heute gibt es noch andere Kreuzigungen“). Die Trauerschleife mit den „Mitarbeitern“ hat da bereits im Netz ihren eigenen Shitstorm…

Nach der Pause hat die Trauerfeier zwecks Klärungsbedarf noch immer nicht begonnen, dafür ist die Themenliste länger geworden. Jetzt geht es All-in: Sexismus, Gendern, Wokeness, GenZ, politische Korrektheit. Für Herrn Bohne ist das zum Haare raufen: „Tipps für vegane Urlaubsziele? Wie? Heißt das „Vermeiden Sie Schweinfurt“?“

Zum Stichwort LGBTQ+ fällt ihm ein: „Da brauchen wir ja bald fünf Toiletten – für jedes Geschlechtsorgan!“ . Als er sich noch für seinen saloppen Spruch „Wie bei Hempels unterm Sofa“ quasi bei allen Hempels dieser Welt entschuldigen muss, flippt er aus: „Da derfst ja bald gar nix mehr sagen“!

War Akt 1 unterhaltsam, fliegen jetzt die Pointen nur so über die Bühne (Regie: Katarina Schmidt).

Gerhart Wittmann (jeder kennt ihn als spießigen Leopold aus den Eberhofer-Filmen und als pfiffigen Taxler aus dem Werbespot mit Dirk Nowitzki) brilliert in der Hauptrolle und bringt sogar seinen Bühnenerfolg „Extrawurst“ augenzwinkernd unter. In dem Stück (2022 ebenfalls in der Komödie) ging es damals um die Frage, ob man die Schweinswürstl für die Vereinsparty zusammen mit dem Essen für ein türkisches Clubmitglied auf einen Grill legen darf. Schon damals Stoff für einen köstlichen Komödienabend (ebenfalls vom Autorenteam Jacobs und Netenjakob).

Bei dieser „Trauerfeier“ gibt’s viel zu lachen und viel Applaus – und Anlass zum Nachdenken, ob man sich nicht viel öfter auf einen Mittelweg einigen könnte. Im Stück finden doch auch alle „Fronten“ zusammen. „Sekretärin“ Isabel Mautes versucht’s mit einem Beatles-Song: All you need is love!

Schöne Geste: Intendant René Heinersdorff (der in der Hauptrolle als Herr Bohne im Theater an der Kö selbst auf der Bühne stand) überreichte – im Messdiener- Gewand – die Premierensträuße an seine Schauspieler.

T. Gaby Hildenbrandt @Fotos: Leonid Levi Zimmermann

„Kalter weißer Mann“ Komödie von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob

Noch bis 12. Juli 2026

Karten: 20 bis 45,50 Euro

Infos und Tickets: www.komoedie-muenchen.de

Komödie im Bayerischen Hof, Promenadeplatz 6, 80333 München